Die Geschichte eines Ohres, das sich taub stellte
Venera Kazarova
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Ein plastisches Theaterstück / Physical theatre performance without words
„Die Geschichte eines Ohres, das sich taub stellte“ ist ein interdisziplinäres
Projekt, das Elemente aus Theater, zeitgenössischem Tanz und Kostümdesign vereint.
Die Performance untersucht das Hören als zentrales Werkzeug menschlicher Interaktion – sowohl mit der Gesellschaft als auch mit sich selbst. Niemand hört dem anderen wirklich zu; jeder hört nur sich selbst – und selbst das nicht vollständig. Wir hören nur das, was wir hören wollen.
All dies wird in ironischer Form dargestellt: Ohren werden zu reinen Zierelementen auf dem Kopf, da sie ihre eigentliche Funktion oft nicht erfüllen. Neben dem Thema Hören behandelt die Performance auch die selektive Taubheit und die damit einhergehende Gleichgültigkeit.
https://www.venerakazarova.art
Künstlerin und Regisseurin / Artist and director Venera Kazarova
Komponistin / Composer Alyona Toimintseva
Performers Andrea Salussoglia, Caro Gonzales, Anne Langner, Pauli Chabier
Dramaturg / Playwright Andrey Stadnikov
Producer Angela Fegers
Venera Kazarova ist zeitgenössische Künstlerin, Kostüm- und Performance-Designerin. Sie arbeitet an der Schnittstelle zwischen bildender und darstellender Kunst. Ursprünglich ausgebildet als Kostümdesignerin, konzentriert sich Kazarova auf die Schaffung von Designs, die Botschaften und Ideen vermitteln.
Die Körper der Performerinnen bewegen sich in
choreografierten Mustern zwischen Annäherung und Abwehr, zwischen Kontaktaufnahme und Rückzug. Bewegung ersetzt das Wort, denn die Aufführung kommt vollständig ohne Sprache aus – ein bewusster Verzicht, der auch das Publikum auf eine andere Art des Wahrnehmens einstimmt. Die Abwesenheit gesprochener Sprache schafft eine besondere Offenheit für unterschiedliche Zugänge. Die Performance richtet sich explizit auch an Menschen mit Hörbeeinträchtigungen und an Personen, die nicht über gute Deutschkenntnisse verfügen. Die nonverbale Struktur ermöglicht eine universelle Form der Kommunikation, die nicht über Worte, sondern über Bilder, Rhythmus, Geste und Körperlichkeit funktioniert. Das Zuhören wird hier zum Sehen – zur Wahrnehmung im erweiterten Sinn. Thematisch erweitert sich der Fokus von der individuellen Ebene auf gesellschaftliche Strukturen. Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn ihre Mitglieder einander nicht mehr zuhören wollen? Welche Formen von Ignoranz entstehen aus dieser Haltung? Und welche sozialen Konsequenzen hat es, wenn die Fähigkeit zur Empathie durch eine Flut von Reizen, Meinungen und Ablenkungen überdeckt wird? Der performative Raum wird dabei nicht als bloße Bühne verstanden, sondern als ein lebendiger Resonanzkörper, in dem Bedeutungen entstehen, sich verschieben, hinterfragt und neu verhandelt werden. Die Zuschauerinnen sind eingeladen, sich selbst als Teil dieses Kommunikationssystems zu begreifen – als hörende, sehende, urteilende Wesen. In der Inszenierung spiegeln sich nicht nur die Performerinnen, sondern auch die Zuschauer*innen selbst: ihre Erwartungen, ihre Reaktionen, ihre
Bereitschaft, sich einzulassen. Das Kostümdesign spielt eine zentrale Rolle im ästhetischen Konzept der Arbeit. Die Kostüme bestehen aus recycelten Materialien, darunter metallische, glänzende Oberflächen, die einerseits eine kühle Distanz erzeugen, andererseits durch ihre Körpernähe eine gewisse Verletzlichkeit offenbaren. Die Ohren – in unterschiedlichen Größen und Formen – entwickeln ein Eigenleben, werden zum Ausdruck innerer Zustände und kollektiver Dynamiken. Sie hängen schlaff, sie richten sich auf, sie vibrieren oder klappen zu. Dabei verlieren sie ihre biologische Selbstverständlichkeit und werden zu Zeichen – übergroß, absurd, poetisch. Die Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Tanztheater, Performancekunst und installativer Bildsprache. Sie ist ebenso ein körperlicher wie ein konzeptueller Akt. Die Choreografie setzt sich
aus Fragmenten zusammen, aus Bewegungsmustern, die manchmal rhythmisch, manchmal stockend, manchmal in plötzlichen Impulsen erscheinen – ein körperliches Stottern, das die Brüche in der Kommunikation sichtbar macht. „Die Geschichte eines Ohres, das sich taub stellte“ ist somit auch eine Erzählung über Verantwortung: die Verantwortung, zuzuhören, auch wenn das Gesagte unbequem ist. Die Verantwortung, präsent zu bleiben, auch wenn Rückzug einfacher
erscheint. Und die Verantwortung, Teil eines Gesprächs zu sein, das nicht nur aus Worten besteht, sondern aus Gesten, Blicken, Schweigen – und der Bereitschaft, sich berühren zu lassen.